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Aldi


Ich war Mittwochmorgen bei Aldi.

Ihr habt jetzt sicher das typische Bild im Kopf: Ein großes Gebäude, ein kleiner schmaler Eingang und davor 50 Rentner, die nackte Gier in den blutunterlaufenen Augen, offene Beine zittern aufgeregt in Stützstrümpfen, die Einkaufswagen klappern leise in der schweißgesäuerten Morgenbrise. Dann eine Minute vor Neun. Alles trippelt aufgeregt von einem Bein auf's andere. Die Verkäuferin nähert sich mit dem Schlüssel der Eingangstür, schließt auf und ihre letzten Worte "Vors... uhrg" verhallen während sie zwischen Eingangstür und Glaswand zerquetscht wird. Mit einer unglaublich neugewonnenen Energie schlurfen etwa 100 Pantoffeln vereint mit 50 Gehhilfen auf den Mittelgang zu, wo da Ziel aller klosterfraumellisengeistgeschwängerten Begierden aufgebahrt ist. In wildem Rausch fällt das Alzheimerrollkommando sabbernd über die Grabbeltische her. Einige werden nie dort ankommen, weil sie schon vorher mit ihrem Wagen in die Regale für Öl und Butter abgedrängt werden, wo sie bei ihren Wiederauferstehungsversuchen immer wieder ausrutschen bis sie kraftlos wie Käfer auf dem Rücken liegen bleiben und auf den abendlichen Abtransport warten. Andere kriechen, ihr herausgeschleudertes Gebiss suchend, unter den Grabbeltischen umher, und die, die sich buchstäblich bis zu den Tischen durchgebissen haben, versuchen in todesverachtender Hemmungslosigkeit so viele verschiedene Artikel mit ihren gichtigen Fingern anzugrabbeln und in den Wagen zu stopfen, wie sie nur schieben können. Der Geruch von Blut, Schweiß und Inkontinenz schwängert die Luft.

Ja, meine Lieben, das ist das Bild, das wir alle gleich vor Augen haben, wenn wir an Aldi denken.

Aber wie schon gesagt: ich war Mittwoch da. Ein großes Gebäude, ein kleiner schmaler Eingang und davor 50 Wartende. Soweit stimmt das Klischee. Aber unter den 50 Wartenden waren maximal 10 Rentner! Und ich glaube, an dieser Stelle sollten wir einmal über die Pisa-Studie und den horrenden Unterrichtsausfall an Niedersachsens Schulen nachdenken! Jaja, Niedersachsens Bildungselite. Guten Tag, Herr Direktor, auch auf der Jagd nach billigen Ohrringen für die Frau Gemahlin? – Nun ja, ich bin wegen meiner Erkältung gerade auf dem Weg zum Arzt und dachte mir, da schau ich doch schnell mal hier vorbei, es soll hier heute günstige Wollsocken geben. Und Wärme ist ja bekanntlich gut gegen Schnupfen, dann bin ich morgen auch sicher wieder im Dienst.

Und da hat er recht, denn donnerstags haben weder Lidl noch Aldi Aktionstage. Eine Minute vor neun. 40 Lehrer, die nackte Gier in den blutunterlaufenen Augen, die Einkaufswagen klappern leise in der bildungsgeschwängerten Morgenbrise. Die Kassiererin nähert sich mit dem Schlüssel der Eingangstür. Wer nun bei dem Wort Lehrer an Menschen denkt, die unseren Kindern humanistische Bildung und Werte wie Hilfsbereitschaft, soziales Engagement, friedliches Zusammenleben oder gar den guten alten kantschen Imperativ lehren, nachdem ja bekanntlich das eigene Verhalten so sein soll, dass es jederzeit als Maxime für die Gesellschaft dienen kann, wird mittwochs morgens bei Aldi eines Besseren belehrt. 9 Uhr, die Kassiererin schließt auf. Vors... urgh... Plötzlich setzt eine Demokratisierung ein, wie sie das Beamtenrecht noch nicht gesehen hat. Hier drängelt, schiebt und quetscht der Referendar wie der Schulleiter. Hier zählen weder Rangordnung noch Dienstalter. Hier wird gefingert wie in der freien Wirtschaft. Und am Grabbeltisch beweisen die Damen und Herren Beamten, dass sie entgegen aller Klischees in der freien Wildbahn durchaus überleben würden.

Aber wenden wir unseren Blick unseren 8 kleinen Rentern zu. Zwei hatten das Pech, zu früh zu kommen und in der Schlange ganz vorne zu stehen. Und nach den erfolgreichen Bergungsversuchen zweier Kassierer warten sie nun hinten im Lager auf ihren Abtransport durch die Johanniter Unfallhilfe. Die restlichen 8 sieht man mit leeren Wagen, ohne Socken, Handschuhen und ohne Lebensmittel mit gesenkten Häuptern in einem Treck gen Ausgang ziehen. Nach 45 ein zweites Mal vernichtend besiegt – diese Mal von der eigenen Bildungselite.

© 2002 Andre Eberlei