Keine Termine gefunden
Wenn ich abends das Fernsehen einschalte: Castingshows! Derzeit der absolute Renner. Jeder drittklassige Sender bildet sich mittlerweile ein, auch er müsse dieses unglaublich neue und erfolgversprechende Konzept kopieren und die Welt mit einer noch nie da gewesenen ganz neuen Show für neue Supertalente beglücken - eine Welt, die keine neuen Talente braucht und will! Noch mehr Teenies, die den Traum vom Popstar leben müssen, uns mit ihren brachialen Gesangskünsten das Blut aus den Ohren treiben, die Lachtränen aus den Fußsohlen holen und den Wunsch sie mit Kübeln voller Mitleid zu begießen bis ins Unermessliche steigern.
Und angefangen hat alles damals mit dem Casting der RTL2-Schlampen „No Angels“.
Alle Nachfolger waren im Grunde nur noch billiger Abklatsch dessen: sei es Deutschland sucht den Superstar, StarSearch, Die Deutsche Stimme, Fame Academy oder der Musikantenstadl. Wer weiß, was noch alles kommt... Ich möchte lieber nicht drüber nachdenken.
Und bei der Omnipräsenz dieser Shows und der Massen, die zu solchen Castings gehen, muss es einem heute ja schon fast peinlich sein, nicht auch mindestens einmal in einer dieser ganzen Shows dabei gewesen zu sein. Mögen doch alle, die dieses Glück noch nicht hatten, an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, ihr kleines verschissenes und sinnloses Leben in seiner tristen Plumpheit weiterführen und sich zurecht ausgegrenzt, nutzlos und untalentiert vorkommen wie Verona Feldbusch bei einem Grammatiktest.
Bin ich froh, dass ich heute sagen kann: Ich war dabei!
Ich weiß es noch als wäre es gestern gewesen: Nach den „No Angels“ wollte RTL2 eine weitere Band casten und rief die gesamte Teenie-Höllenbrut Deutschlands zum Casting auf. Also machte sich auch auf Josef aus Galiläa mit seiner Verlobten Maria, die war schwanger... Oh, falsche Geschichte, noch einmal:
Also machte auch ich mich mit drei Freunden auf den Weg nach Hamburg – natürlich nur um zu sehen, wie das da so läuft... Okay, wir waren vielleicht nicht mehr alle im Teeniealter, aber man hat es uns wenigstens nicht angesehen...
Auf der Fahrt wurde im Auto noch fleißig geübt, auf irgendeiner Tanke kurz vor Hamburg gab es eine theoretisch sehr schnelle Schminkpause, um noch die eine oder andere mimische Macke fix mit Ellen Betrix zu kaschieren und dann waren wir auch schon am Intercontinental - zusammen mit etwa 1200 anderen hoffnungsvollen Talenten. Unsere Antwort auf den Schrei des Warmupers „Wollt ihr Popstars werden“ (allein das Wort!) ging in der allgemeinen Euphorie wohl unter: Natürlich nicht!
Ich kam mir vor wie auf einem orientalischen Basar: so viele Eindrücke, so viele verschiedene Geräusche, so viele Gerüche. Ich wusste nicht, wohin ich zuerst gucken, hören und riechen sollte... doch in unserer Gesellschaft lernt man ja recht früh, die Augen vor dem Elend zu schließen.
Während wir uns also nach der Anmeldung ca. zwei Stunden den Bauch in die Beine gestanden hatten, nachdem man uns unsere Castingnummer gegeben hatte – ich hatte 666 (wie passend) – übten um uns herum die Massen ihre Castingsongs und teilten sich gegenseitig ihre Qualitäten mit: „Ich habe ja am Broadway studiert!“, „Das Top hier habe ich mir extra gestern noch gekauft“, „Ehrlich, ich war am Broadway.“ „Ja, super!“, „Nein wirklich, am Broadway.“, „Mmh.“, „Und ich kann ja alles singen, ich habe nämlich die Hammerstimme“, „JA, ist gut jetzt – du hast am Broadway studiert und weißt du was, das ist mir scheißegal! Wenn du am Broadway studiert hast, was machst du dann hier?“, soweit zwei meiner Begleiterinnen nach 10Minuten Geduld mit dieser Frau und kurz vor dem Ausbruch eines Magengeschwürs.
Und endlich kam der Jurybus – lange hätte ich die Broadwayfrau auch wohl nicht mehr ausgehalten. Nachdem die Jury da war, durften wir auch endlich ins Hotel, langsam musste ich auch ganz dringend aufs Klo, sonderlich warm war es an diesem Augustmorgen ja nicht und auf dem Tankeklo hatten wir ja keine Zeit zum Pinkeln, weil wir uns noch hübsch machen mussten...
Zunächst wurden wir auf alle möglichen Räume eines Flures verfrachtet und dann in 50er Gruppen zum Precasting gerufen. Denn wer wirklich glaubt, die Jury würde sich selber alle diese „Künstler“ ansehen, der irrt gewaltig. Wir hatten Nummern im 600er Bereich und hatten somit etwas Zeit. Aber langweilig wurde es nie! Schließlich konnte man auch weiterhin kleine Teenie-Mädels in Prostituiertenoutfits beobachten, wie sie versuchten Lieder von Britney Spears zu vergewaltigen oder eine Tanzchoreografie einzustudieren, bei dem selbst einem Blinden schlecht geworden wäre. Heute macht Jeanette Biedermann mit so was Karriere – damals war es undenkbar. Zwischendurch kamen immer wieder lustige Fernsehteams, die in origineller Einfallslosigkeit alle möglichen Opfer aufforderten: „Sing doch mal Daylight“. Spannend zu sehen, welch Vielfalt an Reaktionen es gab: Das reichte vom „Kenn ich nicht“ über ein „Frag mal die da“ bis hin zum „DAYLIGHT”.
Nach ca. fünf Stunden des Wartens meldete sich meine Blase – ich hatte sie völlig vergessen vor lauter akustischen und visuellen Highlights und ich begab mich auf den Weg zu den hoteleigenen Toiletten. Leider kam ich nie dort an. Ich wurde schon vorher von einem netten Castinghelfer abgefangen, der mich mit den freundlichen Worten „Wo willst du denn hin?“ darauf aufmerksam machte, dass ich wohl etwas Falsches tat. Mein Hinweis, ich müsse nur, meine Blase platze gleich und ich wolle niemandem diesen Anblick bieten müssen, schien ihn wenig zu interessieren: „Toilettengang ist jetzt ganz ungüngtig!“ Ach so, wann wäre der günstig? „Du kannst ja draußen auf den drei Dixiklos.“ Stimmt, könnte ich, aber dann wäre ich nicht mehr ins Hotel gekommen, denn alle die sich das getraut hatten wurden nicht mehr reingelassen: Natürliche Auslese – survival of the fittest.
Endlich nach Stunden des Wartens wurden auch wir aufgerufen. In einer 50er Gruppen machten wir uns auf den Weg und durften wie zum Hohne auf den Gang vor den abgesperrten Toiletten auf den Einlass ins Precasting warten. Wilde Phantasien durchkreisten meinen Kopf: Was wenn meine allmählich zum Bersten gefüllte Blase ausgerechnet dann, wenn ich mit meinem vorbereiteten Castingsong ansetzen wollte, platzen würde? Vor lauter Schmerzen konnte ich kaum noch geradeaus gehen – überall roch ich Urin und der Gedanke, es könnte meines sein, ließ mich nicht mehr los, aber „Toilettengang ist jetzt ja ganz ungünstig.“ Ständig überprüfte ich die Trockenheit meiner Jeans und das Bild, wie ich in 2 Wochen in jedem Werbetrailer zu sehen sein würde, nahm Besitz von mir: Ich singend in einer großen gelben Lache frischen warmen Urins...
Endlich wurden wir eingelassen, nach einer kurzen freundlichen Belehrung einer sehr jungen kompetenzheuchelnden Mitzwanzigerin ging es dann los: „So, Ruhe. RUHE. Ihr werdet gleich zu fünft nach vorne kommen, euren Song singen und dann kurz die Entscheidung abwarten. Die anderen sind ruhig und es wird nicht gelacht. Das ist unglaublich mutig, sich hier zu präsentieren und deshalb klatscht ihr nach jeder 5erGruppe.“ Und da hatte sie recht: Es war unsagbar mutig!
Die Entscheidung war zwar sehr, sehr undurchsichtig, aber lustig: Acht kamen weiter, zehn brachen zusammen, 30 gingen einfach und 2 lachten sich tot. Meine gute Bekannte und ich konnten es nicht fassen.
Aber ich für mich habe eine Menge Eindrücke von diesem Tag mitgenommen. Am eindrücklichsten aber blieb folgende Erkenntnis: 98% aller anwesenden Männer waren meine Zielgruppe. Bleibt die Frage: Wenn Castingshows bald auch auf andere Berufszweige übergreifen, was machen dann die Heteros?
© 2003 Andre Eberlei